Das Kardiomanium-Konzept
Die Idee, ein Museum einzurichten, in dem Gedankengut ausgestellt wird, ist nicht neu. Hans Magnus Enzensberger hat 1960 sein "Museum der modernen Poesie", eine zweibändige Sammlung moderner Gedichte herausgegeben. Der Sinn des Museums, so Enzensberger im Nachwort zu seinem Kompendium, habe sich verdunkelt: "Es gilt gemeinhin als Sehenswürdigkeit, nicht als Arbeitsplatz. Richtiger wäre es, das Museum als Annex zum Atelier zu denken", das heißt als Mittel zum Zweck, woraus folgt, "daß es keine endgültige Einrichtung zuläßt. Es ist kein Mausoleum, sondern ein Ort unaufhörlicher Verwandlung."
Anders als Enzensbergers Literaturmuseum ist mein Kardiomanium ein in vielfacher Hinsicht hybrides Gebilde. Denn es existiert sowohl ideel als auch materiell, es präsentiert Sprachliches neben handfesten Gegenständen, Inhalte neben Formen, Theoretisches neben Praktischem, Tiefes zusammen mit Trivialem. Und es ist keineswegs nur, wie Enzensberger dies für sein Museum der modernen Poesie haben wollte, ein Ort der Mittel, an denen sich der Betrachter messen und abarbeiten soll, sondern ebenso ein Ort der Zwecke, besser: ein Ort, der als Zweck nur sich selbst kennt, was jedoch nicht ausschließt, dass man an ihm brauchbare Mittel finden kann.
Ein hybrider Gegenstand ist das Kardiomanium nicht zuletzt auch hinsichtlich seiner Zugehörigkeit zu einer der bekannten Bereiche der Kunst oder Nicht-Kunst, ja der materiellen oder ideellen Gegenstände überhaupt. Ist Enzensbergers Poesiemuseum neben einer spielerisch imaginären Institution vor allem auch eine zweibändige Gedichtsammlung, so fällt es schwer, mein Museum der Herzensangelegenheiten ähnlich umstandslos der Welt des Benennbaren zuzuordnen. Etwas rein Imaginäres oder Virtuelles, falls es das überhaupt gibt, ist es ebenso wenig wie eine real existierende Sammlung. Das Internet oder ein Bildband ist genauso gut sein Ort wie irgendein physisch vorhandener Ausstellungsraum. Würde man es ein Gedankenspiel nennen, so hätte man den Kern der Sache wahrscheinlich noch am ehesten getroffen.
Die unaufhörliche Verwandlung, die Enzensberger für jedes richtig verstandene Museum postuliert, hat mein Kardiomanium zunächst einmal der simplen Tatsache zu verdanken, dass es wohl auf unabsehbare Zeit aus der Aufbauphase nicht heraus kommen wird. Zu viele Herzensangelegenheiten gibt es und zu unterschiedlich ist ihre Natur. Und was für das Museum der schöpferischen Kardiomanie insgesamt gilt, gilt notwendiger Weise auch für sein Vor-, Bei- oder Nachwort.
Wer Herzensangelegenheiten der unterschiedlichsten Art an einem Kardiomanium genannten Unort zusammenträgt, der bekennt sich zu einem Sammlertypus, dem das manische Sammeln wichtiger ist als die manierliche Sammlung. Dies ist ein weiterer Grund, warum wir ein Museum der Herzenssachen eher als eine Utopie, denn als eine regelrechte Institution anzusehen haben. Vollends fragwürdig wird die museologische Korrektheit dieser utopischen Einrichtung angesichts der Merkwürdigkeit, dass die einstweilen noch obskuren Objekte der sammlerischen Begierde in Bezug auf Quantität und Qualität im Prinzip unbestimmbar sind - nur eines scheint klar: sie müssen irgendwie mit dem Herzen, genauer gesagt: mit dem Wort Herz in Verbindung zu bringen sein.
Das Kardiomanium ist also ein utopisches paramuseales Sammelsurium von Gegenständen im weiteren Sinn, die alle etwas mit dem Begriff des menschlichen Herzens zu tun haben. Es operiert, das heißt es kolligiert bedenkenlos über die fragwürdige Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst hinweg, auch den nicht minder fragwürdigen Grenzen zwischen Künstlichem und Natürlichem, Körperlichem und Geistigem, Altem und Neuem, Spielerischem und Ernsthaftem schenkt es wenig Beachtung. Sein Ziel, sofern überhaupt von Zielen die Rede sein darf, ist die kordiale Kommune unter deutlicher Wahrung sämtlicher Differenzen. Wenn bis auf weiteres in der Ordnungssystematik des Kardiomaniums die bekannten Grenzverläufe ihre Bestätigung zu finden scheinen, so hat das weniger mit konzeptuellen als mit pragmatischen Überlegungen zu tun.
(Lothar Rumold)
Fortsetzung folgt